DM-Nachschlag mit Chefrichterin Katrina Wüst – Teil I

 

Katrina Wüst ist internationale Fünf-Sterne-Dressurrichterin, gilt als absolute Kürspezialistin und war bei der Deutschen Meisterschaft in Balve Chefrichterin bei C während der Kür. Auch für sie war das Erleben dieser Kür etwas ganz besonderes…
„Ich bin jetzt noch total begeistert. Ich habe mir einige Küren zu Hause noch einmal angesehen und analysiert. Das Niveau war wirklich sehr sehr hoch. Es wurde sehr gut geritten, die Küren waren teilweise richtig schwer und die neuen jüngeren Pferden waren überragend.“
 
Ein paar Gedanken von Katrina Wüst zu den einzelnen Paaren:
 
Showtime mit Dorothee Schneider
„Das ganze Pferd ist eine wunderbare Show – sehr spritzig und aktiv, kombiniert mit absoluter Losgelassenheit. Wenn ich zum Beispiel an die Stelle in seiner Kür denke: vom versammelten Schritt in die Piaffe und daraus in den starken Schritt – das zeigt die hohe Durchlässigkeit und dass das Pferd sehr gut nach der Skala der Ausbildung geschult wurde. Dorothee hatte viele schwere Kombinationen in ihrer Kür: Aus der Galopptraversale direkt in die Pirouette und wieder in die Traversale, erst nach rechts und dann gleich als Kombi nach links, gleichermaßen gut balanciert nach beiden Seiten. Früher war das nicht erlaubt, da mussten die Reiter zwei bis drei Galoppsprünge geradeaus reiten, bevor sie die Pirouette einleiteten. Heute ist das nach internationalem Reglement möglich und bei der DM wird nach internationalem Reglement gerichtet. Auch die 19 Einerwechsel bis in die Ecke oder die Fächerpiaffe am Ende waren wirklich schwer, aber man hatte nie das Gefühl, das Pferd wird überfordert. Ich saß 2009 beim Weltcupturnier in London am Richtertisch und war dabei als Edward Gal mit Totilas den Weltrekord brach – mit über 92 Prozent. Die Kür von Showtime und Dorothee Schneider in Balve war für mich auf keinen Fall schlechter.“
 
Desperados mit Kristina Bröring-Sprehe
„Kristina glänzte wie immer durch sehr feines, harmonisches Reiten und Desperados ebenfalls durch ein hohes Maß an Losgelassenheit, was sie in einer Schritt-Piaffen-Kombination demonstrierten – hier sogar mit eine 1/4 Piaffepirouette als Einlage. Auch diese Kür, die schon im letzten Jahr die Zuschauer in Aachen begeistert hat, hat einen äußert hohen Schwierigkeitsgrad, vor allem durch viele Kombinationen mit sehr gelungenen Doppelpirouetten und super gesetzten Piaffen. Was sehr schade war, waren die Fehler in den Zweierwechseln. Da hatte Desperados kurz hintereinander einen Einerwechsel und einen Dreierwechsel drin, das zählt laut Richtlinien wie zwei Fehler, auch in der Kür. So kamen die beiden in dieser Lektion bei mir nur auf eine ‚4’. Leider hatte Kristina auch keine 'Korrektur-Linie' – choreographisch mutig, aber so konnte sie die Zweierwechsel nicht mehr wiederholen, so dass am Ende die 4 dafür stehen blieb. Dennoch: Eine klasse Kür!"
 
Emilio mit Isabell Werth
„Isabell geht mit ihren Küren immer aufs Ganze und so war auch die Kür von dem zehnjährigen Emilio ebenso schwer wie abwechslungsreich mit einer 360° Piaffepirouette am Anfang und einer zweiten am Ende. Piaffen sind eine der Spezialitäten des Braunen und so hatte man auch bei ihm nie das Gefühl der Überforderung. Selbst am Ende taktete er noch wie ein Metronom. Die Musik, klassisch und größtenteils von 'Beethoven-Hits' inspiriert, wirkte streckenweise hymnisch und dennoch leicht – 'Freude schöner Götterfunken' darf auch mal die Freude an unserem Sport untermalen. Leider ist Emilio im starken Galopp hinten kurz umgesprungen. Isabell – wie immer vor nichts bange – hat trotzdem den zweiten starken Galopp wieder mit vollem Risiko nach vorne geritten ... und dabei hat er diesen Umsetzer wiederholt. So haben die beiden hier einige Punkte verloren.“
 
Cosmo mit Sönke Rothenberger
„Das jüngste Pferd im Feld begeisterte mit seiner tänzerischen Leichtfüßigkeit. Die Trabverstärkungen kann man sich nicht besser denken, aber auch in den anderen Gangarten ist er mit Leichtigkeit und immer im schönen Bergauf unterwegs, aufs Feinste unterstützt von seinem ebenfalls noch jungen Reiter Sönke Rothenberger. Ganz toll. Die beiden haben schon eine sehr anspruchsvolle Kür in Balve gezeigt, wunderbar unterstrichen von höchst emotionaler Musik. Highlights waren die Wechselkombinationen wie beispielsweise aus den Zweierwechseln direkt in die Einerwechsel oder die Kombination Passage-Traversale, Piaffe, Trabtraversale. Die höchste Versammlung ist dem Alter entsprechend auf einem sehr guten Weg, wenngleich noch nicht voll ausgereift. Sicher war es eine Enttäuschung für den 21-Jährigen, an der Bronzemedaille schnuppern zu dürfen, sie letztendlich nach einem Rechenfehler doch an Isabell Werth abtreten zu müssen. Er nahm es mit Stil – man hätte diese Medaille beiden gleichermaßen gewünscht.”