Der Kommentar bei dressursport-deutschland.de

Ich gebe zu, auch ich habe mich verführen lassen. Verführt von den wenigen, aber vehementen Stimmungsmachern in den sozialen Medien, die immer wieder die Dressurreiter beschimpfen. Mal geht es um tiefe Einstellung, mal um das falsche Gebiss, beim nächsten Mal um den blockierten Rücken und am Ende ist mehr oder weniger jeder Reiter einer, der sein Pferd drangsaliert. Ich habe mich dazu verführen lassen, mich zu rechtfertigen – vor nicht reitenden Freunden, vor anders denkenden Reitern, vor selbst ernannten Tierschützern...
Jeder von uns war ganz sicher schon mal ungerecht zu seinem Pferd. Ganz sicher, darf man niemals, niemals damit aufhören, sich selbst zu hinterfragen, damit Ungerechtigkeiten sich nie wiederholen, am besten komplett ausgeschlossen werden. Das permanente eigene Hinterfragen ist ein Grundbaustein des Dressursports im Speziellen, des Pferdesports im Allgemeinen und des Tierschutzes im Ganzen. Aber wir dürfen uns nicht dazu verführen lassen, uns zu rechtfertigen. Wenn wir den Eifer, den Spaß der Pferde nicht spüren würden, hätten wir selbst keine Freude an unserem Sport. Wenn wir die Verbindung zu unserem Pferd nicht mehr spüren, reiten wir an uns selbst vorbei.
Aber das ist das Problem. Zu viele 'Großstadtkinder' – die hier stellvertretend für diejenigen stehen, die die Nähe zu Pferden nie erfahren haben – spüren die Pferde nicht mehr. Sie wachsen nicht mit ihnen auf, sie können sie nicht wirklich erkennen und schon gar nicht, wie es in ihnen aussieht. Deshalb sind sie so leicht von jener Minderheit zu überzeugen – mit banalen Hilfsmitteln, die jedes 'Großstadtkind' erkennen kann: Nase zu tief, Schweif zu unruhig, das arme Pferd!
Es ist eine dumme Verführung. Und es ist völlig überflüssig, darauf einzugehen. So lange wir den Blick und vor allen Dingen das Gespür für unsere Pferde behalten, sollten wir nur zwei Dinge tun: sie, die Pferde, genießen und jeden Tag von und mit ihnen lernen.

Ihre

Kim Kreling