Eine herausragende Jahresbilanz, klare Worte zum Verkürzen des Grand Prix und ein olympischer Ausblick…

dressursport-deutschland.de: 2019 liegt in den letzten Zügen – ein kurzer Rückblick aus Ihrer Sicht?
Monica Theodorescu: Das war definitiv ein Jahr mit vielen Höhepunkten. Denken wir beispielsweise an das Weltcup-Finale in Göteborg. Weihegold hat dort wieder einmal bewiesen, wozu sie fähig ist und den dritten Weltcup-Sieg in Folge gefeiert. Und denken wir an Damsey, der uns dort alle überrascht hat. Damsey und Helen (Langehanenberg) haben in Göteborg alles gegeben, gerade auf ihrer berühmten Schlusslinie, das war Gänsehaut. Platz eins und drei beim Weltcup-Finale, das war schon toll. Ein ganz besonderer Höhepunkt war natürlich die Europameisterschaft. Mit sechs Medaillen sind wir aus Rotterdam nach Hause gefahren, darunter alle drei Einzelmedaillen in der Kür – das war wirklich ein großartiges Erlebnis mit großartigen Pferden und toller Atmosphäre. Ein Pferd ging besser als das andere und alle wurden mit tollen Prozenten bewertet. Fantastisch.

dressursport-deutschland.de: Ein kurzer Blick noch auf den Dezember. Im Dezember wurde erneut beim Turnier in London ein neuer, verkürzter Grand Prix getestet. Was sagen Sie dazu?
Monica Theodorescu: Ich denke, man muss immer alles evaluieren, aber ich finde es nicht richtig, Dinge zu ändern, nur um etwas zu ändern. Wir müssen unsere Werte bewahren, das halte ich für wichtig, und wir müssen diese Werte noch besser darstellen und kommunizieren.

dressursport-deutschland.de: Das heißt, Sie sind von der verkürzten Grand Prix-Aufgabe nicht begeistert?
Monica Theodorescu: Diese Aufgabe ist sicher besser gelungen als alle anderen verkürzten Grand Prix-Aufgaben zuvor. Diese Aufgabe ist akzeptabel, aber ich halte sie nicht für zielführend, wenn man an gutes Reiten und pferdegerechte Ausbildung denkt. Durch die Kürze der Aufgabe fallen kleine technische Fehler mehr ins Gewicht und die Pferde haben nicht mehr die Zeit, sich in der Aufgabe zu finden und zu entwickeln. Für die Pferde bedeutet das mehr Stress. Rein ins Viereck und schon wieder raus und der nächste bitte.

dressursport-deutschland.de: Was meinen Sie genau damit?
Monica Theodorescu: Es geht beim Dressurreiten nicht darum, möglichst zügig die Lektionen zu absolvieren. Pferde müssen in der Prüfung die Möglichkeit haben sich zu entfalten. Im Schritt müssen sie beispielsweise Zeit haben auch mal durchzuatmen. Viele Übergänge fallen in der verkürzten Aufgabe weg, aber Übergänge sind sehr wichtig. In der Galopp-Tour gibt es nicht mal eine einzige kurze Seite, in der die Pferde 'einfach nur' galoppieren können. Nicht eine kurze Seite für die Grundgangart Galopp. Im Trab ist es nur genau eine kurze Seite wie schon im 'langen' Grand Prix.

dressursport-deutschland.de: Was sind Ihre Befürchtungen?
Monica Theodorescu: Wenn diese Aufgabe nur einmal im Jahr geritten wird, ist es nicht so wichtig. Aber wenn mehr Veranstalter an der Aufgabe Gefallen finden, dann befürchte ich negative Auswirkungen auf die Ausbildung der Pferde und dann auch auf die Qualität des Sports. Dadurch dass jeder Fehler mehr ins Gewicht fällt, besteht die Gefahr, dass der Dressursport noch mehr aufs Fehler-Gucken hinausläuft. Durch das reine Abfragen von Lektionen treten die Gymnastizierung, die Geschmeidigkeit und die Harmonie von Reiter und Pferd mehr in den Hintergrund, das 'besondere' Pferd käme weniger zur Entfaltung. Man kann diese Aufgabe reiten, aber grundsätzlich halte ich das Verkürzen der Grand Prix-Aufgabe nicht für pferdegerecht.

dressursport-deutschland.de: Der Ausblick auf 2020 ist, wie immer in olympischen Jahren, ein besonderer…
Monica Theodorescu: Ja, absolut. Zunächst mal sind wir noch in der Weltcup-Saison, in der einige Kaderreiter sehr gut unterwegs sind. Isabell (Werth) ist ja als Titelverteidigerin ohnehin gesetzt und konnte in der Saison auch schon einige Siege verbuchen. Dann kommt im April das Finale in Las Vegas und schon drei Tage später geht Horses & Dreams in Hagen los. Durch die Olympischen Spiele hat sich der gesamte Veranstaltungskalender etwas verschoben. Die Herausforderung im kommenden Jahr wird das richtige Management Richtung Olympische Spiele sein. Schon 14 Tage nach Hagen stehen die Deutschen Meisterschaften auf dem Programm, es ist zeitlich alles sehr eng und das zieht sich durch die Saison bis Tokio.

dressursport-deutschland.de: Was genau bedeutet das für Pferde und Reiter?
Monica Theodorescu: Die Pferde müssen früher im Jahr austrainiert und auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit sein. Vor Tokio steht eine Woche Quarantäne an – da haben wir Glück, die Quarantäne ist in Aachen, also für uns sehr einfach zu erreichen. Dann kommt die lange Reise und die Herausforderung durch die klimatischen Verhältnisse in Tokio. Zusätzlich dürfen nur drei Reiter pro Team starten. Insgesamt muss man sagen: Das, was wir 2019 erreicht haben, war erstens nicht selbstverständlich und ist zweitens nicht mit dem zu vergleichen, was in Tokio auf uns zukommt.