Co-Bundestrainer Jonny Hilberath über seine ganz persönlichen Corona-Erfahrungen und gesellschaftspolitische Bedeutungen…

 

„Ich merke, dass diese Zeit etwas mit mir 'gemacht' hat.“ Co-Bundestrainer Jonny Hilberath ist zwiegespalten. Die Pandemie, die so unberechenbar und rücksichtslos ist, hat für ihn persönlich durchaus auch positive Effekte. „Für die meisten Menschen bedeutet diese Pandemie Angst, Unsicherheit und Schmerz. Unter diesen Umständen ist es sehr schwer, davon zu sprechen, dass man für sich selbst auch positive Veränderungen erlebt.“
Er sei nach wie vor mit Leib und Seele Reiter. Da die meisten seiner Kunden, die Pferde bei ihm stehen haben, aus dem Ausland kommen und momentan nicht nach Deutschland, nach Abbendorf, reisen dürfen, sitzt Hilberath täglich in sechs bis sieben Sätteln von Kundenpferden. „Ich reite mehr und habe sehr viel Spaß dabei. Außerdem bin ich sehr lange am Stück zu Hause und kann mich viel intensiver um die Pferde kümmern. Ich genieße diese Mehrzeit im Sattel, aber auch die Mehrzeit für mich.“ Natürlich sei die Zeit jetzt eine völlig andere, als wenn man die halbe Woche auf Turnieren unterwegs sei. „Das, was ich tue, die Turniere, das Trainieren, die Erfolge, ist für mich höchst erfüllend. So sieht es mein Kopf, mein Körper sieht das manchmal etwas anders. Jetzt in dieser Phase habe ich mehr Zeit für meinen Körper, ich bin viel in der Natur, ich laufe, ich walke, ich fahre Fahrrad – man hat jetzt ein Leben neben dem Pferdesport. Ich hoffe, dass ich aus dieser Phase mitnehme, dass ich mein Zeitmanagement verbessere und mir selbst auch weiterhin mehr Zeit einräume. Das ist nichts, was mit dem Alter zu tun hat. Ich glaube, eine gute Balance im Leben ist für jeden wichtig.“
Natürlich steht Hilberath auch in Corona-Zeiten in engem Kontakt mit den Kaderreitern, die er sonst im Training unterstützt. „Wir telefonieren regelmäßig und sie schicken mir Trainingsvideos, die ich bespreche und kommentiere. Das ersetzt nicht das Training vor Ort, aber ich bleibe sozusagen an den Paaren dran.“ Einige Springprofis haben ihre erfahrenen Toppferde momentan auf die Koppel gestellt und reiten sie gar nicht. Für Hilberath ist das bei den Dressurpferden keine Alternative. „Die Qualität eines Dressurpferdes hängt zu einem bedeutenden Teil von seiner Gymnastizierung ab und die kann man auch im Moment mit sanfter Belastung wunderbar erhalten oder sogar verbessern. Das ist auch ohne Turniereinsätze sehr sinnvoll – nicht zuletzt um zur Gesunderhaltung der Pferde beizutragen.“
Mit Interesse beobachtet Hilberath auch die ersten Versuche, Turniere für Profis und ohne Zuschauer durchzuführen – bisher noch ausschließlich im Springsport. „Trotzdem denke ich, dass das auch für uns schon ein wichtiger Schritt sein kann“, betont Hilberath. „Diese Turniere, Erfahrungen können Türen öffnen, um den Turniersport insgesamt wieder in Gang zu bringen – auch für Amateure, die wir genauso für unseren Sport brauchen. Ich hoffe auch auf Argumente aus den Fußballspielen, die jetzt wieder starten.“ Das alles könne hilfreich sein – für den Pferdesport insgesamt, aber auch für den Sport im Allgemeinen. „Sport ist gerade in Zeiten wie diesen gesellschaftspolitisch wichtig. Sport kann ein wichtiges Ventil sein.“