Koschel privat frei 200pxGeb.: 09. August 1946
Wohnort: Hagen a.T.W.
Funktion: U25-Trainer bis Ende 2016

Jürgen Koschel:

 „Nicht jedes Pferd macht Abitur! Man sollte aus jedem Pferd das Beste rausholen, aber man darf sie nicht zu Dingen zwingen, die sie nicht können."




Foto: Privat



"Ich könnte nie ein Angestellter sein! Ich möchte es so machen, wie ich es für richtig halte und da möchte ich niemanden fragen müssen. Ich brauche die Freiheit, entscheiden zu können." So hat er es schon immer gehalten: Jürgen Koschel. Mit dem Drang nach Freiheit und als überzeugter Optimist hat er sich mit 26 Jahren selbstständig gemacht. Doch bis dahin hat der ein oder andere Zufall die Richtung gewiesen.

Im Grunde ist die Havel ,schuld'. Wäre sie auch nach dem Umzug von Jürgen Koschels Vater weiter fast an seinem Haus vorbeigeflossen, dann wäre Koschel heute vermutlich Nationaltrainer der Segler. "Wir haben an der Havel gewohnt und eigentlich hatte ich angefangen zu segeln, aber dann ist mein Vater in die Berliner Innenstadt gezogen, in die Nähe der Deutschlandhalle. Dort hat er mir dann eine Zehnerkarte fürs Reiten gekauft." Raus aus dem Boot und rein in den Sattel - Koschel war sofort begeistert. "Ich war immer ein Tierfan, habe dann im Stall im Reitverein geholfen und mir so meine Reitstunden verdient."

Der nächste ,Zufall' hieß Kecker. Kecker war ein Pferd von Otto Schulte-Frohlinde, wurde damals von Walter ,Bubi' Günther geritten und konnte alles: S-Dressur, Springen und Gelände. Als dann in Koschels Reitverein noch ein Paar für die Mannschaft gesucht wurde, wurde dem "besseren Schulpferdreiter Koschel", wie er sich zum damaligen Zustand heute selbst beschreibt, Kecker zur Verfügung gestellt. Die beiden wurden auf Anhieb Zweite der Berliner Meisterschaften in der Vielseitigkeit. "Im Grunde war das der Auslöser für mich, eine Profi- Laufbahn im Reitsport anzustreben", erklärt Koschel.

Schulte-Frohlinde bot dem "besseren Schulpferdreiter" an, für ihn zu reiten, und Koschel machte eine Lehre bei Schulte-Frohlindes Bereiter Bubi Günther.

Zunächst ist Koschel mehr Springen als Dressur geritten und war zeitgleich Leistungsklasse Eins-Reiter im Dressur- und Springsattel. "Man spezialisierte sich damals nicht so früh", betont er. "Gerade für den Mut und die Balance war das ausbildungsmäßig schon gut." Koschel ging beim Hamburger Derby und bei Großen Preisen in den Parcours, aber dann öffnete ihm das Turnier in Hamburg-Harburg die Augen: "Ich hatte zwei Lkw voll Pferde mit. Auf dem einen standen die Springpferde, auf dem anderen die Dressurpferde. Die Springpferde waren meine eigenen, die Dressurpferde waren Kundenpferde. Aber während des ganzen Turniers bin ich nicht dazu gekommen, auch nur ein Springpferd zu reiten. Da war mir klar, dass das so nicht weiter geht." Koschel entschied sich für die Spezialdisziplin Dressur - mit gutem Grund: "Wenn man Geld verdienen musste, ging das in der Dressur einfacher."

Aus Berlin wollte Koschel damals wegen der Pferde raus. "Die haben uns da an der Grenze mit den Pferden immer ganz schön drangsaliert", erzählt er. "Manchmal haben sie uns mit den Pferden zehn Stunden irgendwo stehen gelassen." So wagte er den Start seiner Selbstständigkeit 1972 in Bargteheide, auf einer Anlage mit etwa 30 Boxen und einer 15 mal 30 Meter-Reithalle. Aber schnell waren diese Gegebenheiten zu klein und Koschel zog um in die Nordheide. Drei Jahre später machte er in Schenefeld Station, nach Schenefeld kam Flottbek. 14 Jahre hatte er die Anlage des Flottbeker Reitvereins in Hamburg gepachtet. "Das war eine sehr schöne Zeit!" 2006 ist die Familie Koschel nach Hagen am Teutoburger Wald gezogen. Dort hat Jürgen Koschel eine eigene Anlage gebaut, den Hof Beckerode, und leitet diesen zusammen mit seinem Sohn Christoph und dessen Frau Patricia.

Seit 1972 selbstständig, seit 1982 internationaler Dressurtrainer - "Ich denke, viele machen den Fehler, dass sie zu spät darüber nachdenken, was nach der reiterlichen Laufbahn kommt. Ich habe mit 36 als Trainer angefangen, mit 50 habe ich meinen letzten Grand Prix gewonnen und dann mit dem Turnier-Reiten aufgehört." 1982 übernahm Koschel seinen ersten Job als Bundestrainer, damals bei den Finnen. Zu der finnischen Vorzeigereiterin Kyra Kyrklund bekam Koschel über Herbert Rehbein Kontakt und so den Kontakt nach Finnland. Finnland war auf der Suche nach einem Bundestrainer und Koschel schlug ein. Sieben Jahre begleitete er das finnische Team - von den Europameisterschaften der Junioren und Jungen Reiter bis zu den Olympischen Spielen. Im Winter stieg der Coach häufig in den Flieger gen Finnland, im Sommer waren die Finnen meist in Flottbek bei ihm stationiert. "1989 brach das alles auseinander als Folge der damaligen Wirtschaftskrise", erklärt Koschel. Fünf Jahre später baten die Spanier um Hilfe und Koschel wurde Nationaltrainer der spanischen Equipe. "Die Zeit mit den Spaniern war für mich eine große Freude und Bereicherung in meinem Leben. Ich habe in dieser Zeit erlebt, was sportlicher Ehrgeiz in Kombination mit Leichtigkeit und Lebensfreude bedeutet. Und es war
toll, mit den spanischen Pferden zu arbeiten. Ich habe dort viel mitgenommen, vor allem bei der Arbeit mit Piaffen und Passagen. Sie fangen dort sehr früh damit an und machen viel vom Boden aus." Mit Koschel reisten die Spanier zu ihren ersten Olympischen Spielen, 1996 in Atlanta. Ein Jahr später widmete sich Koschel unserem Nachbarland und wurde Bundestrainer der Niederländer. "Die Begeisterung war schon damals unglaublich in diesem Land. Die jungen Mädchen trugen die Haare wie Anky, zogen sich an wie Anky und ritten wie Anky - nur nicht so gut." 2002 übernahm Koschel dann das Traineramt in einem Land, das dressursportlich "ziemlich darnieder war", die Schweiz. Er führte sie zu den Olympischen Spielen in Athen und zu den Weltreiterspielen in Aachen. 2008 legte er sein Amt vor den Olympischen Spielen nieder als die Schweizer Spitzenreiterin Silvia Iklé kurzfristig ihren Olympiaverzicht erklärte. "Dieses Verhalten sprach gegen meine sportliche Einstellung", erklärt er. Zwischendurch hat er noch fast am anderen Ende der Welt Aufbauarbeit in Sachen Dressur geleistet: 2006 trainierte Koschel die Mannschaft Süd-Koreas für die Asian Games in Katar. Mannschaftsgold und Einzelgold waren die Ausbeute seiner Reiter.

Insgesamt hat Koschel mehr als 60 internationale Medaillen bei Europa-, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen mit seinen Reitern errungen. Er selbst hat rund 110 Pferde auf Turnieren präsentiert und mit ihnen mehr als 900 Siege und Platzierungen gefeiert. Etwa 300 nationale und internationale Siege erreichte er in Prüfungen auf Grand Prix-Niveau, war Zweiter im schwedischen Dressurderby in Falsterbo, Dritter im Deutschen Dressurderby in Hamburg und dreifacher Landesmeister von Hamburg und Schleswig- Holstein. "Ich war eigentlich immer Tag und Nacht unterwegs. Die Devise war: Morgens früh raus und abends spät ins Bett. Ein bisschen verrückt muss man dafür schon sein."

Seit 2007 gehört Koschel zum Trainerteam des Deutschen Olympiade Komitee für Reiterei (DOKR). Er ist seither für die Ausbildung der Bundeswehrsportschüler und für das Training am DOKR zuständig. Anfang 2010 übernahm er einen weiteren Job, als Disziplintrainer für die Reiter des Perspektivkaders und für die U-25-Dressurreiter. "Ich arbeite unheimlich gerne mit jungen Leuten zusammen. Es macht mir so viel Spaß, weil sie noch aufnahmefähig sind und natürlich ehrgeizig." Einen kurzen Augenblick zögert Koschel nachdenklich, dann ergänzt er: "Als junger Mensch denkt man immer, man kriegt das alles schon hin. Ich erinnere das von mir. Aber man muss lernen, die Pferde nicht zu überfordern. Auch das möchte ich gerne den jungen Leuten weitergeben."

Seine erfolgsreichsten Schüler sind derzeit Sohn Christoph und Kristina Sprehe. Christoph war bereits zweimal Mannschafts-Europameister bei den Junioren und Jungen Reitern. Dann gehörte er zu Deutschlands Championatskader mit dem selbst ausgebildeten Donnperignon und gewann Mannschafts-Bronze bei den WEG in Kentucky 2010 und Team-Silber bei der EM 2011. Kristina Sprehe hat seit Ende 2010 den Rapphengst Desperados unter dem Sattel und hat sich innerhalb von 1,5 Jahren – nach dem Sieg beim Piaff-Förderpreis-Finale 2011 – in den Championatskader geritten. Aber obwohl Koschel schon seit mehr als vier Jahrzehnten im Dressursport aktiv ist, ist er bis heute alles andere als ,abgebrüht' und ist leicht nervös, wenn seine Schüler reiten. Überhaupt muss er gestehen: "Ich kann nicht gut abschalten." Am besten gelingt ihm das, wenn er mit seinen beiden Hunden, den Labradors Tabbi und Lena, durch den Wald geht. "Ich bin schon immer ein Landei gewesen, auch wenn ich in Berlin geboren worden bin. Ich bin gerne im Wald und in den Bergen, gehe wandern oder ein bisschen klettern." Und Jürgen Koschel reist gerne - Gott sei Dank, denn schon durch seinen Beruf war und ist er fast jedes Wochenende unterwegs. "Durch die Reisen zu den Turnieren haben wir fast die ganze Welt gesehen." ,Wir', das sind Jürgen Koschel und seine Frau Gabriele. Die Ärztin hat Koschel vor gut 40 Jahren in Hänigsen kennen gelernt - natürlich über die Pferde. Seither reist Gabriele Koschel so oft es geht mit, rund um den Globus von Turnier zu Turnier. "Wir versuchen vor Ort auch immer ein bisschen Programm rund uns Turnier zu machen und uns etwas von der Stadt anzugucken."

Jürgen Koschel ist rundum zufrieden und beschreibt sein Leben vielleicht mit den schönsten Worten, die es dafür geben kann: "Ich würde alles noch mal genau so machen. Ich stehe morgens gerne auf und bin froh, dass ich das machen darf, was ich mache."