juliette piotrowski web 200pxGeb.: 14.06.1993
Wohnort: Düsseldorf
Beruf: Profireiterin und -ausbilderin

Juliette Piotrowski:

„Das schönste Gefühl für mich ist, wenn man ein Pferd so weit hat, dass man das auf den Turnieren zeigen kann, was man zu Hause erarbeitet hat.“
 
 





Foto: Privat 

Man braucht Juliette Piotrowski gar nicht besonders gut zu kennen, man sieht es auf den ersten Blick: Sie ist ansteckend lebensfroh, lacht gerne und erzählt meistens munter drauf los. Es sei denn, sie ist mit ihrer Jack Russell-Dame Paula am Rheinufer unterwegs. Dort genießt sie die Ruhe, schaltet ab und gönnt sich ihre kleine Auszeit.
2016 und 2017 gehörte sie zum Goldteam der U25-Reiter bei den Europameisterschaften. 2013 und 2014 war sie schon als Junge Reiterin bei den Europameisterschaften mit dabei, brachte neben Teamgold und -silber auch Einzelsilber und -bronze mit nach Hause. Und all das hat sie mit einem Pferd erreicht, das sie selbst ausgebildet hat: Sir Diamond. Aber beide, Juliette und Sir Diamond, haben nicht von Anfang an den ganz direkten Weg ins große Viereck angesteuert…
Schon mit einem Jahr saß Juliette vorne vor dem Sattel ihrer Mutter Claudia Haller, selbst Grand Prix-Reiterin und -Ausbilderin, und strahlte. Kaum fing sie an zu sprechen, war ihr Lieblingswort 'Galopp'. Je schneller, um so mehr strahlte Juliette. Juliette war drei als sie Fritz bekam. Shettypony Fritz ist ein Jahr älter als Juliette, sehr frech und hat seine kleine Reiterin bevorzugt in den Dreck katapultiert. „Fritz hält uns heute noch ganz schön auf Trab“, lacht Juliette. „Er steht mit einer Stute bei uns auf der Koppel und büxt gerne aus.“ Nach Fritz kam Schimmelpony Rochus, mit dem Juliette ihre ersten E- und A-Dressuren, aber vor allen Dingen auch Springen geritten hat. Die Parcours, die Hindernisse, die 'action' hatten es der Pferdebegeisterten angetan, wenn da nicht der Bandscheibenvorfall ihrer Mutter dazwischen gekommen wäre…
Juliette war 16 und in Springprüfungen bis M/A und S unterwegs, als sie für ihre Mutter wegen jenen Bandscheibenvorfalls einspringen musste. Zwei, drei Monate sollte sie die Pferde ihrer Mutter reiten, bis diese wieder fit war. Unter den Pferden war auch Mutters Spitzenpferd Dornfelder. „Dornfelder war mein Professor. Er hat mir alles beigebracht“, betont Juliette. „Von ihm habe ich eine genaue Betriebsanleitung bekommen wie er 'funktioniert'. Aber wenn ich mich nicht genau an diese Anleitung gehalten habe, dann ging nix mit ihm.“ Es habe einige Situationen gegeben, in denen man ihn einfach machen lassen musste, nicht eingreifen durfte. „Das fiel mir als Springreiterin sehr schwer, da will man immer die Kontrolle haben.“ Mit dem sensiblen Flick-Flack ist Juliette dann als Juniorin und Junge Reiterin durchgestartet und wurde in beiden Altersklassen Rheinische Meisterin. „Auf Flick-Flack habe ich manchmal in der Galopp-Tour die Luft angehalten. Wenn man bei ihm an der falschen Stelle geatmet hat, dann hat er schon mal einen Galoppwechsel eingebaut, wo er nicht hingehörte.“
Und dann kam Sir Diamond. Das Pferd, mit dem Juliette Piotrowski schon vier Europameisterschaften bestritten hat. Von dem sie heute schwärmt als „absolutes Verlasspferd und totaler Kämpfer“. Von dem, der einen nie hängen lässt. Der Weg mit ihm war allerdings spannend. Im zarten Fohlenalter von drei Tagen kaufte Juliettes Mutter den Sandro Hit-Sohn. Sie haben ihn aufgezogen, er wurde gekört und prämiert und hat gedeckt. Beim Reiten war er von der wilderen Sorte. Drei- und vierjährig hat Juliette ihn in Springmanier geritten, dann stieg Mutter Claudia Haller in den Sattel und bildete ihn mit Dressursattel aus. Als Hengst war er beim Reiten oft sehr abgelenkt, also wurde er kastriert. Fünfjährig gewann Sir Diamond Dressurpferde-L, aber dann ging es an die fliegenden Wechsel und 'Sir' entdeckte erneut seinen Spaß am Buckeln und Bocken. „Ich hörte meine Mutter nur 'Juli' rufen, damit ich mich auf ihn setze“, erinnert Juliette heute schmunzelnd. „Danach durfte sie nie wieder drauf.“ Juliette und Sir hatten sich lieben gelernt. „Von M-Niveau bis zum Grand Prix sind wir zusammen gewachsen. Er ist das erste Pferd, das ich selber ausgebildet habe. Das macht mich schon stolz, gerade weil er nicht so einfach war.“ Als ihren schönsten Erfolg mit Sir bezeichnet Juliette ihren ersten Grand Prix-Sieg. „Das war 2015 in Balve und genau einen Tag vor meinem 22. Geburtstag. Das war mein schönstes Geschenk!“
Auch die Bundestrainer haben längst ein Auge auf das Paar geworfen. Ende 2017 wurden die Kader neu strukturiert, weniger Plätze standen zur Verfügung und nur noch die Allerbesten ihrer Altersklasse wurden zu Kadermitgliedern. Juliette und Sir gehörten dazu und wurden in den neu gegründeten Nachwuchskader 1 der U25-Reiter aufgenommen.
Sich den Pferden auch beruflich widmen – das war für Juliette sehr früh sehr klar, aber „meine Mutter wollte gerne, dass ich erst noch was 'Vernünftiges' ausprobiere.“ Zwei Semester hat Juliette in Düsseldorf also Sport-, Medien- und Eventmanagement studiert. „Aber dann war es auch gut und ich habe meine Ausbildung bei Ton de Ridder gemacht.“ Seit 2016 arbeitet Juliette nun schon als Ausbilderin und Trainerin selbstständig. Ihre Mutter hat in Meerbusch eine Anlage mit rund 35 Boxen gepachtet, dort reitet Juliette am Tag acht Pferde und gibt nebenher noch Unterricht. Ihre Philosophie: „Kein Einheitstraining – in jedes Pferd hineinfühlen und einen eigenen Plan, ein individuelles Konzept aufstellen.“ Drei Ausbilder haben ihre Philosophie und Reitweise bisher geprägt. Allen voran ihre Mutter, die „sehr viel Wert auf Harmonie und Rhythmus legt“. Ton de Ridder, für den „Disziplin, Ruhe und ein Plan ganz wichtig sind“. Und Oliver Oelrich: „Oli arbeitet sehr konzentriert am Feinschliff der Lektionen und er ist sehr ehrlich.“
Auf jeder Kirmes liebt sie die Fahrgeschäfte, die am schnellsten sind und sich am meisten drehen. Der Spaß am Nervenkitzel, der sich schon bei Shetty Fritz gezeigt hat. Ein Fallschirmsprung, das wäre schon mal was. „Ich weiß gar nicht, ob er mir so viel Freude machen würde, aber es wäre die Neugier auf den freien Fall und so.“ Total faszinierend findet sie ihre Abende mit Freunden, die absolut nichts mit Pferden zu tun haben. „Ich finde spannend, wie sie sich über ihren Alltag, ihr Studium unterhalten und bei mir ist alles so anders.“
Juliettes Ziele sind klar: Mal ein Championat bei den Senioren mitreiten, vielleicht sogar Olympische Spiele? Neue junge Pferde bis zum Grand Prix ausbilden und neue Talente entdecken. Und neben dem Sport und den Pferden? „Ich möchte irgendwann mal eine Familie gründen und heiraten – ganz normale Dinge eben“, sprudelt es aus ihr heraus mitsamt der für sie bekannten ansteckenden Lebensfreude.