Geb.: 16. Oktober 1997

Wohnort: Senden

Beruf: Studentin


Jil Marielle Becks:

„Ich habe großes Glück, dass meine Eltern so tolle Pferde züchten. Gute Pferde zu kaufen, ist wirklich schwierig.“
 
 
 

 

 

Foto: Marlen Weber

Mit einem Senkrechtstart ist Jil Marielle Becks 2018 in den Grand Prix-Sport der U25-Reiter eingestiegen: Siege mit Damon’s Satelite und Vollschwester Damon’s Delorange bei Stationen des Piaff-Förderpreises, Berufung in den Bundeskader, Sieg beim U25-Nationenpreis in Aachen und dann die Europameisterschaft im niederländischen Exloo: Teamgold, Einzelgold und Kürsilber!

„Im Endeffekt war das ganz einfach“, erklärt Jil, dass sich ihr Leben rund um Pferde dreht, als ob es das Natürlichste von der Welt ist, „Pferde waren einfach immer da. Meine Eltern hatten immer Pferde und ich hatte immer eine Beziehung dazu.“ Jils Eltern Melanie und Christian Becks hatten Spaß am Reiten, die Mutter rein hobbymäßig, der Vater auch im Turnierdress. Als Jil noch mit der Rassel im Kinderwagen spielte, stieg Vater Christian außerdem in die Pferdezucht ein. Die Familie Becks und die Pferde – ein Mittelpunkt, eine Philosophie.

Vater Becks war einst bei einer Geburtstagsparty. Dem Feiernden wurde von einer Gruppe Freunde ein zweijähriger Shetty-Hengst geschenkt, Huckleberry. Der Beschenkte wusste allerdings nicht so richtig, wohin damit? Kurz entschlossen kaufte Vater Becks ihm den Knirps ab und brachte den zweijährigen Racker seiner ebenfalls zweijährigen Tochter mit nach Hause. Die laufenden 1,27-Meter wurden kastriert und später eingefahren, dann eingeritten und die Laufbahn von Jil konnte beginnen. „Huckleberry war ein richtig feines Pony“, schwärmt Jil. „Ich hatte tolle Zeiten mit ihm!“ Mit zehn kam Lehrmeister Hollywood in den Stall der Familie Becks. Hollywood war ein 17-jähriges Schimmelpony, bis M-Niveau ausgebildet, der Jil eine Menge beigebracht hat. Aus ihr heute völlig unerfindlichen Gründen hatte Jil aber trotzdem nach etwa einem Jahr mit Hollywood keine Lust mehr zu reiten. „Meine Eltern waren schon traurig, aber sehr geduldig. Sie haben immer wieder betont, dass ich das machen solle, wozu ich Lust habe.“ Und die Lust aufs Reiten kam zurück, nach rund zwölf Monaten Pause stieg Jil wieder in den Sattel. Hollywood hatte ein gemütliches Jahr auf der Koppel verbracht, also stiegen die beiden praktisch zusammen wieder ein „Dann habe ich richtig angefangen zu üben und mein Vater hat mich unterrichtet“, erinnert sich Jil und grinst: „Einmal musste sich mein Vater durchsetzen und mir klarmachen, dass ich beim Reiten nicht diskutieren soll. Dann war das durch und seitdem klappt das sehr gut.“ Schnell gingen Jil und Hollywood in A- und L-Dressuren an den Start, die erste L haben sie gleich gewonnen – das spornt an. „Ich habe viele L-Dressuren gewonnen, aber in der M bin ich bestimmt zehnmal Zweite geworden, da hat es zum Sieg nie gereicht“, lacht Jil. Bis zu Westfälischen Meisterschaften und FEI-Prüfungen haben sich die beiden hochgearbeitet. Lehrmeister Hollywood war bis zu seinem Ende bei Familie Becks, hat seinen Lebensabend dort genossen so lange es ging. Mit 28 Jahren ist er an Krebs gestorben.

Parallel zu ihrer Zeit mit Hollywood hatte sich Jil verliebt – in den dreijährigen Ponyhengst Top Nandilo. „Papa wollte auf gar keinen Fall einen Hengst und noch dazu war Top Nandilo ein Springpony. Aber ich wollte ihn unbedingt, weil er so unglaublich brav war.“ So macht Jil es bis heute: „Bei mir geht das immer ganz schnell. Wenn ich ein Pferd geritten habe und dann absteige weiß ich, ob ich den haben möchte.“ Bei den ersten Turnierstarts wurde später aber schnell deutlich, dass der junge Hengst Top Nandilo gedanklich doch häufiger woanders ist. Also wurde Top Nandilo gelegt und dann ging es steil bergauf bis zu L- und M-Platzierungen. „Das war schon ein sehr schönes Gefühl, weil er das erste Pony war, das ich selbst ausgebildet habe.“

Im Rückblick schmunzelt Jil: „Meine Ponyzeit war ziemlich unspektakulär. Während meine Freundinnen mit ihren Ponys Deutsche Meisterschaften ritten und viel gewannen, war ich mit meinen 'normalen' Ponys oft froh, wenn ich eine grüne Schleife abbekam. Aber die Zeit war sehr gut, um den richtigen Biss zu entwickeln und ich habe früh gelernt: Von nichts, kommt nichts!“

Jil war 14 als sie das erste Mal in den Sattel von Damon's Satelite stieg, Satelite war gerade einmal drei. „Schon da war mir sofort klar: Das ist mein Pferd!“ Vierjährig ist Satelite unter Helen Langehanenberg Bundeschampion geworden, schon damals hat Jil ihn regelmäßig mitgeritten. Fünfjährig hat Jil mit dem Damon Hill-Sohn A- und L-Dressuren gewonnen und hat ihn auf dem Bundeschampionat präsentiert. „Oh, da war ich ganz traurig, dass wir nicht ins Finale kamen.“ Helen Langehanenberg hat den athletischen Fuchs dann vier Wochen zur Vorbereitung auf die WM der jungen Dressurpferde in ihren Stall bekommen – „Das war das einzige Mal, dass Satelite unseren Stall verlassen hat“, betont Jil – und prompt hat sich Satelite ins WM-Finale katapultiert. Nach der WM 2013 hat Jil die Ausbildung des WM-Finalisten komplett allein übernommen. „Er hat schnell die fliegenden Wechsel gelernt, wir waren in unserer ersten M-Dressur am Start und haben die auch gleich gewonnen.“ 2014 war ein besonderes Jahr: Jil nahm im Sattel von Mannschafts-Weltmeister Damon Hill Platz. „Auf Dami habe ich das Gefühl für die S-Lektionen bekommen und die konnte ich dann auch direkt Satelite beibringen.“ Im März 2015 war es so weit: der erste Start in einer S-Dressur war geplant. „Das Starterfeld war so stark, dass ich erst gar nicht reiten wollte“, gibt Jil zu, „aber Papa hat gesagt: Los, wir üben das jetzt.“ 'Übung' geglückt: Platz drei mit über 71 Prozent!

Ein nachhaltiges Erlebnis war für Jil die Präsentation von Damon Hill bei der Equitana. „Ich hatte mir vorher nicht so viele Gedanken darum gemacht“, lächelt sie. „Aber das war unglaublich was die Nummer ausgelöst hat. Vorher kannten mich die Leute im Kreis Coesfeld, danach kannten mich ganz viele und es wurde unheimlich viel in den Zeitungen geschrieben. Ich habe vorher Gott sei Dank nicht geahnt, was dieser Ritt für eine Welle auslösen würde,“ Sie lacht zurückhaltend und ergänzt: „Aber ich fand das total cool.“

Mit Damon Hill ritt sich Jil in der Jungen Reiter-Szene nach oben, Satelite entwickelte sich immer weiter und dann kam auch noch Damon's Delorange dazu, die ein Jahr ältere Vollschwester zu Satelite. „Wir haben lange ein Lehrpferd für mich gesucht und nichts gefunden“, erzählt Jil. „Und irgendwann hat Papa gesagt: Wir haben doch selbst gute Pferde, dann probieren wir Delorange.“ Auch das Paar hat auf Anhieb gepunktet und M gewonnen, aber dann fiel Delorange verletzungsbedingt lange aus. 2018 hat sie sich zum ersten Mal in Inter II und Kurz-Grand Prix gezeigt – mit Spitzenergebnissen. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass Delorange bald Satelite große Konkurrenz macht“, freut sich Jil. „Beide sind ganz außergewöhnliche Pferde – Satelite ist mehr der Kumpeltyp und Delorange die sensible, hochelegante Diva.“

2016 war Jil das erste Mal bei einer EM dabei. Mit Damon’s Satelite gehörte sie zum EM-Team der Junioren im spanischen Oliva: Team-Gold, Einzel-Silber und Kür-Bronze war die satte Ausbeute der beiden. „Bei der ersten Euro war ich schon etwas nervös“, gesteht die EM-Reiterin, “sonst bin ich eigentlich sehr entspannt. Ich versuche, nicht so viel darüber nachzudenken 'Was ist, wenn…'“. So war die Euro-Premiere bei den U25-Reitern mit jungen 20 Jahren eine fast lässige Angelegenheit für sie. „Ich habe mir gesagt: Ich bin 20, das ist meine erste Saison bei den U25-Jährigen und wir haben schon eine Menge erreicht.“ Lässig darf man aber auf gar keinen Fall gleichsetzen mit 'unehrgeizig': „Ich bin generell ehrgeizig und diszipliniert. Und ich mag Ordnung und wenn ein Tag gut geplant ist. So funktioniert das auch mit meinem Studium nebenher: Ich versuche alles so zu organisieren, dass kein Stress aufkommt.“ Neben ihrem Fernstudium reitet Jil sechs bis sieben Pferde am Tag und zwischendurch auch Ponys, am liebsten selbst gezogene. „Ich hatte als Ponykind immer eher die 'normalen Ponys'. Schon damals ist bei mir der Wunsch aufgekommen, mal ein richtig gutes Sportpony zu züchten.“ Vater Becks konnte eines Tages die Mutter von Top Nandilo kaufen, ein Jahr später suchte Jil mit Vater beratschlagt einen passenden Hengst aus. „Und dann musste ich elf Monate warten, das war ganz schön lang“, lacht die junge Züchterin. Heraus kam ein Falb-Stutfohlen. „Ein ordentliches Fohlen und ich fand sie super.“ Als das 'ordentliche Fohlen' abgesetzt wurde, machte die kleine Stute noch einmal einen Schuss und wurde zum außergewöhnlichen Bewegungspony. „Dann musste ich noch mal drei Jahre warten bis ich sie reiten konnte.“ 2018 war es so weit. Jil hat die kleine Falbstute HBS Golden Mylight mit Vaters Hilfe selbst angeritten und sie sammelten direkt Erfolge: Erste Reservesiegerin der Westfälischen Eliteschau, Westfalen-Championesse, Bundeschampionesse! Und die Ponyzucht geht weiter. Inzwischen hat Jil noch zwei weitere Ponyfohlen gezüchtet und bald soll auch Golden Mylight für Nachwuchs sorgen. „Die Zucht und die Reiterei sind für mich gleich wichtig. Mir macht beides wahnsinnig viel Spaß!“

Jil ist die Erfolgsleiter sehr schnell nach oben gestiegen. Früher war ihr größter Traum, mal den Preis der Besten zu gewinnen. Das hat sie 2015 geschafft. Dann wollte sie gerne eine Einzelgold-Medaille bei der Euro gewinne. Das hat sie 2018 'erledigt' „Meine größten Träume haben sich tatsächlich schon erfüllt. Jetzt möchte ich weiter…“ Was sie mit 'weiter' genau anvisiert, lässt sie offen :-)

Es ist nicht viel Zeit für Hobbys oder Urlaub im Leben von Jil Becks, aber wenn, dann geht sie gerne mal entspannt mit Freunden essen oder gönnt sich mit ihrer Familie eine kleine Auszeit von ein paar Tage. Aber am liebsten genießt die Becks-Family ihre Pferde zu Hause samt der Hunde, Katzen und Hühner und gerne bei gemütlichem Abendessen. „Papa kocht super“, erklärt Jil und lacht: „Ich bin eher für die schnelle Küche zuständig :-)“.