Geb.: 20. Juli 1984
Wohnort: Aubenhausen
Beruf: Profireiter, -ausbilder, Unternehmer

Benjamin Werndl:

„Ein Leben reicht nicht aus, um wirklich reiten zu lernen.“
 
 

 

 

Foto: Aubenhausen

Nekoma hat den Pferdevirus in die Familie Werndl gepflanzt. Nekoma war ein Lewitzer Pony, gezogen von Benjamins Tante Barbara, und ein Weihnachtsgeschenk von Benjamins Großeltern an die ganze Familie. Benjamin war damals sechs Jahre jung und hatte noch gar keine Vorstellung davon, was Pferde und Reiten bedeutet. Nekoma war eine Art Initialzündung. Kurze Zeit später übernahmen die Werndls von Tante Barbara das Lewitzer-Gestüt in Aubenhausen und bauten es Schritt für Schritt zu ihrem heutigen Dressurzentrum  "Aubenhausen – HOME of the DRESSAGE HORSE" um. Sie begannen Anfang der 90er Jahre mit Einstellern und einem angegliederten Reitverein. „Es waren immer viele junge Leute da, das fand ich ganz lustig“, erinnert sich Benjamin Werndl heute. Den Reitstall und die Berge vor der Haustür, so schwankte Benjamin zwischen Skirennfahrer oder Springreiter werden. Sein Vorbild damals: Ludger Beerbaum. Aber mit ‚besonderer Taktik’ wurde er dann doch in den Bann der Dressur gezogen. „Meine Schwester Jessica war schon längst Feuer und Flamme für den Dressursport, da fiel meinen Eltern ein sehr geschickter Schachzug ein: Sie kauften mir ein Superdressurpony, Dacapo. Jessi hat mich auf ihrem Lewitzer trotz des Superponys noch abgezogen, aber mein Ehrgeiz war geweckt.“
Dacapo war nicht nur ein Strahlemann im Viereck, er wurde auch Benjamins bester Freund. „Mit ihm habe ich alles besprochen.“ Und mit ihm sammelte er schnell Erfolge, wurde in den Bundeskader der Dressur-Ponyreiter berufen und war damit gänzlich für die Dressur gewonnen. „Diese perfekte Abstimmung, die Leichtigkeit der Bewegung – das fasziniert mich noch heute.“ Mit dem Deutschland-Emblem auf dem Sakko zu reiten und Erfolg zu haben, das gefiel Benjamin und – natürlich – wollte er so weiter machen. Mit 17 ließ er sich bereits in die Altersklasse der Jungen Reiter hochstufen und war dann mit Achill und Sam viermal hintereinander Mitglied im EM-Team der Jungen Reiter: dreimal wurde er Mannschafts-Europameister, einmal Vize-Europameister in der Einzelwertung. „2005 waren wir bei der EM in Mailand – es war meine letzte EM mit den Jungen Reitern und Jessi und ich haben Gold und Silber in der Einzelwertung gewonnen. Das war schon etwas ganz besonderes!“, erinnert sich Benjamin. „Und dann kam der Sprung ins harte Leben bei den Senioren.“ Eine Zeit lang sei er noch auf der Erfolgswelle weiter geschwommen, bevor sich das Geschwisterpaar Werndl entschied, den „krassen Schnitt“ zu machen. Weil sie wussten, dass sie für den Grand Prix-Sport andere Pferde brauchten, haben sie ihre Pferde verkauft, neue junge Pferde gekauft und ‚von vorne’ angefangen. „Wir sind damit aufgewachsen, Pferde zu verkaufen und selbst auszubilden, aber es war schon hart. Wir haben zwar alle Pferde nur in gute Hände abgegeben, aber trotzdem habe ich gerade bei Sam Rotz und Wasser geheult.“
Fortan gingen die Werndl-Geschwister wieder auf den Turnieren ‚um die Ecke’ an den Start und ritten Jungpferde-Prüfungen. „Das war erstens auch schön und zweitens wussten wir irgendwie immer, dass wir es wieder schaffen würden. Die Frage war nur wann? Da waren wir etwas ungeduldig. Wenn ich in dieser Zeit etwas gelernt habe, dann dass das Gras auch nicht schneller wächst, wenn man daran zieht.“ Ganz wichtig ist Benjamin ebenso wie seiner Schwester die gute Ausbildung der Pferde – jedes Pferd auf seine individuelle Weise. Viele Trainer haben Benjamin Werndl auf seinem Weg bisher begleitet: Stefan Münch, der ihn in den Anfangsjahren bis zu den EM-Erfolgen im Nachwuchsbereich trainierte. Holger Schmezer und Klaus Balkenhol, die stets motivierten und unterstützten. Und heute Jonny Hilberath, der für Benjamin „mehr als ein Trainer ist. Er ist mein Mentor, mit dem ich auch über andere Dinge als Pferde und Reiten rede – fast philosophisch und sehr inspirierend.“ Einige Jahre trainierten die Geschwister auch bei Isabell Werth. „Isabell ist nach wie vor für uns ein großes Vorbild. Wie sie die verschiedenen Pferde motiviert und trainiert.“
Im Juni 2018 wurde Benjamin Werndl in den Kader berufen, in den Perspektivkader. Sein Partner unter dem Sattel: Daily Mirror – mit dem Spitznamen 'Ken', „weil er so schön ist“, schmunzelt Werndl. 2016 kam der Westfale in den Stall der Werndls. Er ist im Besitz von Flora Keller, die wiederum die Halbschwester von Beatrcie Bürchler-Keller ist. Mit Daily Mirror hat sich Benjamin Werndl im Grand Prix-Sport immer beständiger, immer besser nach oben gearbeitet. Bei den Deutschen Meisterschaften in Balve trumpfte das Paar mit Platz sechs im Special und fünf in der Kür auf. Ein Riesenerfolg, die Kaderberufung gab es obendrauf!
Benjamin Werndl ist bekennender Perfektionist. Er trainiert regelmäßig, geht laufen und arbeitet mit einem Personal Trainer zusammen. Früher hat er seine Schwester diesbezüglich eher belächelt, heute tauscht auch er sich ab und zu mit einem personal Coach aus. „Ich wollte auf keinen Fall in eine Art Abhängigkeit geraten“, erklärt er anfängliche Bedenken. „Ich war sehr skeptisch, aber inzwischen habe ich gemerkt, dass ich sehr viel Positives daraus ziehen und trotzdem weiter ich selbst sein kann.“ Er war schon immer der analytische Typ. Seit Jahren hat er ein gelbes Büchlein, in das er besondere Erkenntnisse nach Prüfungen oder einem Training schreibt, besondere Gedanken nach Gesprächen, besondere Momente mit Pferden. „Das Buch ist bald voll. Wenn ich das so durchblättere, war das in den vergangenen Jahren schon eine ganz interessante Entwicklung.“ Lesen bedeutet für Benjamin Werndl Entspannung. Am liebsten sind ihm dabei Biografien, gerne von Sportlern. Wer weiß: Vielleicht kommt eines Tages dieses Büchlein mal als eine individuelle Art seiner Biografie auf den Markt?
Im Training genießt Benjamin außerdem seine Luxussituation: „Meine Schwester und ich sind ein eingespieltes Team. Im Training gucken wir nacheinander, wir tauschen auch schon mal die Pferde und geben uns Tipps. Auf den Turnieren fühlen wir uns stärker zusammen, beflügeln uns gegenseitig, aber klar, manchmal streiten wir uns auch wie ganz normale Geschwister.“ Und Mutter Micaela, früher selbst aktive Turnierreiterin, hält den Geschwistern den Rücken frei: „Wenn ich auf dem Pferd sitze, beantwortet meine Mutter Kundenanfragen, kümmert sich um die Finanzen und überhaupt hilft sie uns überall.“ Während Jessica sich hauptsächlich um den Ablauf im Stall kümmert, ist Benjamin für den Verkauf und das Training der Kunden im Dressurzentrum Aubenhausen zuständig. Es macht ihm Spaß, passende Pferd-Reiter-Paare zusammenzubringen und sie zu fördern. Ihre gemeinsame Philosophie: Horses first, rest later! 2010 hat Benjamin Werndl zudem seinen Bachelor in Betriebswirtschaft gemacht und sich dadurch Wissen angeeignet, das ihm heute sehr hilft. Einige Zeit hat er auch in der Firma seines Vaters mitgearbeitet, inzwischen konzentriert er sich aber voll und ganz auf die gemeinsame Vision der Geschwister: „Wir wollen Aubenhausen zu einer der bedeutendsten Ausbildungsstätten Europas aufbauen – für die Ausbildung von Pferden und Reitern.“
Ehrlich, ausdauernd, ein bisschen stur, emotional, ruhig – das sind die Adjektive, die Benjamin spontan einfallen, wenn er sich selbst beschreiben soll. Der besondere Sinn für Gerechtigkeit fehlt bei dieser Aufzählung. Worüber sich der Vegetarier nämlich „tierisch ärgert“ ist, wenn jemand zu unrecht schlecht behandelt wird. Egal, ob Mensch oder Tier. Und ehrgeizig ist er. Benjamin genießt Erfolg und er arbeitet zielstrebig, aber ohne zu viel Druck darauf hin. Er liebt Sport, er liebt Pferdesport und er genießt die tägliche Arbeit mit den Pferden. Und trotzdem: In den vergangenen Jahren hat sich sein Weltbild etwas verschoben. Er ist inzwischen Vater von drei Töchtern. Aus einer früheren Beziehung stammt seine erste Tochter Louisa, im Juli 2014 hat er mit seiner Frau Katrin Wohlhaupter die kleine Ophelia bekommen, drei Jahre später hat sich Avalie dazugesellt. „Ich nutze meine Freizeit jetzt bewusster und nehme mir ganz bewusst Zeit für meine Familie.“