Foto: Maralena Benz

Geb.: 24. März 1999
Wohnort: Aubenhausen
Beruf: Profireiter


„Darum geht es beim Reiten: Man muss sich zufrieden geben, aber muss es trotzdem immer noch besser machen wollen.“

Reiten wollte er schon mit vier Jahren, angefangen hat er mit fünf, mit neun hat er sein erstes eigenes Pony bekommen, mit 17 ist er nach Aubenhausen gezogen, mit 20 war er im Kader – und das gleich doppelt: mit Dior im U21-Kader, mit Lacoste im U25-Kader.

Raphael Netz ist die Erfolgsleiter nicht heraufgeklettert, er ist sie nach oben gerast. Manchmal, so scheint es, muss er sich selbst zwicken, um zu begreifen, wo er in Windeseile angekommen ist.

Jessica von Bredow-Werndl ist durch einen gemeinsamen Hashtag bei Instagram im Sommer 2016 auf Raphael aufmerksam geworden, hat auf seinen Account geklickt und ihre Neugier war geweckt. Im Archiv des Internetsenders Clipmyhorse hat sich die Championatsreiterin einige Ritte von Raphael angesehen und ihn danach per E-Mail nach Aubenhausen eingeladen. „Das musste ich erst mal meinen Freunden erzählen, als ich die Mail gelesen hatte“, wundert sich Raphael noch Jahre später und lacht. Natürlich ist er nach Aubenhausen gefahren und…“es hat direkt gepasst. Ich habe mich direkt wohl gefühlt und ein paar Wochen später bin ich nach Aubenhausen gezogen. Das ging ganz schnell“

Zum Zeitpunkt dieser Mail hatte Raphael noch sieben Wochen Schule bis zum Abitur. Ursprünglich war er nicht sicher, wohin seine Reise nach der Schule gehen sollte. War nicht sicher, ob die Reiterei auch sein Beruf werden könnte. Wer weiß, wie es für ihn weiter gegangen wäre, wenn er nicht diese Mail bekommen hätte? „Das ist wirklich schwer zu beantworten, aber ich bin heilfroh, dass alles so gekommen ist. Ich bin unheimlich glücklich über die Entscheidung, hier nach Aubenhausen zu ziehen.“

Die Großstadt vermisst Raphael überhaupt nicht. „Wir sind in einer halbe Stunde am Chiemsee, wenn wir mal kurz am Strand liegen wollen und wir sind in 40 Minuten am Berg, wenn wir Skifahren wollen. Wir leben hier zwar sehr ländlich, aber wir haben alles, was man braucht.“ Raphael ist eine Sportskanone, aber jeder Strand, jeder See, jeder Berg ist vergessen, wenn er morgens im Sonnenaufgang das erste Pferd des Tages im Aubenhausener Reitpark reitet. „Das ist für mich der schönste Moment des Tages.“

Jeden Tag trainiert er zusammen mit Jessica und Benjamin. „Wir pushen uns gegenseitig. Wir reiten immer zusammen, das ist so eine gute Energie.“ Dass er sportlich von den Geschwistern schon enorm viel gelernt hat, steht außer Frage, aber da gibt es auch noch etwas anderes: „Was ich in meiner Zeit hier am meisten gelernt habe, ist Demut und Dankbarkeit“, betont Raphael und der 'Immer-Fröhliche' wird plötzlich etwas ernster. „Ich kam nach Aubenhausen als ich 17 war, da war ich noch ein 'Kind'. Aber Benni und Jessi haben mich unter ihre Fittiche genommen. Die beiden sind nicht nur meine Trainer, sie sind meine Mentoren. Sie helfen mir nicht nur im Sattel, sondern auch bei allem anderen.“ Jessica von Bredow-Werndl hat eine hohe Meinung von ihrem jungen Mitarbeiter: „Für mich zeichnet den Raphi aus, dass er mental unheimlich stark ist, dass er ein extrem guter Reiter ist und dass er sich vor allen Dingen als Persönlichkeit sehr gut weiterentwickelt hat.“ Und auch ihr Bruder Benjamin Werndl freut sich: „Raphael hat eine krasse Entwicklung hingelegt. Er ist als 17-jähriges Wunderkind zu uns gekommen und wir waren uns nicht sicher, ob das echt ist – aber es ist echt. Dieser Junge hat wahnsinnig viel Talent, er ist extrem ehrlich, ehrgeizig und wissbegierig. Es macht große Freude, mit ihm zusammen zu arbeiten.“

Bevor Raphael nach Aubenhausen kam, war er bereits S erfolgreich. Das schaffen auch einige andere mit 17 Jahren, aber sein Weg war speziell. Mit fünf Jahren hatte er ein Jahr lang Einzelunterricht an der Longe – die totale Sitzschulung. „Ich durfte erst nach einem Jahr das erste Mal die Zügel in die Hand nehmen. Ich glaube, das hat mir unheimlich geholfen.“ Danach hatte er verschiedene Reitbeteiligungen. Mit neun Jahren hat der Reitbegeisterte sein erstes Pony bekommen, einen dreijährigen runden kuscheligen Haflinger mit dem Namen Akki. „Ich bin die erste Generation in unserer Familie, die reitet“, lacht Raphael. „Meine Eltern stehen voll hinter mir, aber sie hatten auch noch gar keine Erfahrung mit Pferden. Hätten wir es besser gewusst, hätten wir es wahrscheinlich anders gemacht.“

Akki und Raphael wuchsen zusammen und über sich hinaus. Mit Hilfe verschiedener Trainer hat es dieses junge Paar bis in den hessischen Ponykader und auf S-Niveau im Viereck gebracht – mit gehörigem Erfolg. Akki war sieben, Raphael 13 als die beiden bei ihrem ersten Prix St. Georges an den Start gegangen sind. „Ich wollte unbedingt im Frack reiten“, gesteht Raphael und grinst. „Das war ein Kindheitstraum von mir. Die Suche danach war sehr schwer – mir war alles viel zu groß! Am Ende sah ich aus wie ein Pinguin, aber ich war super stolz.“ Nach seiner 'Lehre' bei Raphael wurde Akki zum Lehrmeister für seine jüngere Schwester.

Raphael Netz – ein junger Reiter mit einer sehr frühen Passion! „Ich habe schon mit vier Jahren bei meinen Eltern gedrängelt, dass ich reiten möchte. Auch wenn ich viele andere Sportarten zusätzlich ausprobiert habe – Judo, Taekwondo, Golf, Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Basketball und noch einiges mehr – aber nach zwei bis vier Wochen habe ich mit allem aufgehört. Das hat alles Spaß gemacht, aber ich habe einfach immer gewusst, dass ich reiten möchte.“

In Aubenhausen ist Raphael für etwa zehn Pferde zuständig, die alle zusammen in einem Stalltrakt stehen. Jedes Pferd hat sein eigenes Kuscheltier, jeweils mit Bezug zum Pferd. Lacoste hat beispielsweise einen Löwen an seiner Box, weil er der 'Lion King' im Stall ist. „Costi ist ein ganz besonderes Pferd für mich. Er ist mein größter Lehrmeister. Jeder Tag mit ihm ist aufs Neue etwas besonderes.“ Mit 'Costi' hat Raphael sein erstes Championat bestritten: 2019 gehörte er zum U25-Quartett, das im italienischen San Giovanni Gold gewann. „Wir sind da praktisch reingerutscht. Wir waren auf der ersten Sichtung in Mannheim und sind da Vierter geworden. Bei der zweiten Sichtung sind wir im U25-Grand Prix Dritter geworden und dass wir es dann ins Team geschafft haben und mit der Berufung ins Team auch in den Bundeskader – da wurde schon ein kleiner Traum wahr!“ Lacoste und Raphael sind gemeinsam über drei in den Grand Prix-Sport gewachsen. „Benni und Jessi haben uns das praktisch gemeinsam beigebracht. Dass Costi und ich an einem Strang ziehen, das war gar nicht so leicht am Anfang. Wir haben lange gebraucht, bis wir zueinander gefunden haben, aber ich glaube, genau deswegen sind wir so dankbar und demütig, was wir erreicht haben.“

Fast alle Pferde, die Raphael in Aubenhausen reitet, sind – so wie Lacoste und Dior – Pferde der Familie Werndl. Und dann gibt es da noch sein eigenes 'Baby'. Den schicken Fuchs Intuition hat Raphael zweieinhalbjährig in England entdeckt. „Er stand im Sonnenuntergang auf der Koppel“, erinnert sich Raphael. „Man sah nur seine Silhouette. Das klingt jetzt kitschig, aber dieser Schatten war so bildschön. Beim Vorlongieren ist mir dann gleich das Herz in die Hose gerutscht und ich habe ihn sofort mitgenommen.“

Er sei ein sehr unkomplizierter Typ, der auch gerne selbst mit anpackt, bestätigen ihm seine Kollegen im Stall, und ergänzen schmunzelnd: „Er hat aber auch ein paar witzige Eigenarten: 'Dehnen in jeder Lebenslage zum Beispiel. Morgens in der Stallgasse genau so wie auf dem Berg vorm Skifahren. Überall dehnt er sich.“ Und wenn er seinen freien Tag hat, dann „läuft er auch gerne mal in der Schlafanzughose durch den Stall. Aber sonst ist er immer sehr gut gekleidet und ordentlich.“Und einstimmig erklären die Kollegen: „Mit Raphi kann man jeden Spaß haben!“

 

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